10.09.2009

Das Maskengesicht

Dass das Maskengesicht überhaupt ein Tier ist, würde es mit der ihm eigenen Arroganz ebenso abstreiten wie die Tatsache, dass es eine Maske ist. Natürlich besteht es darauf, das eigentliche Gesicht seines Trägers zu sein! Dies ist der eine unverwechselbare Charakterzug des Maskengesichts. Der andere ist, dass das Maskengesicht die Dichter hasst. Davon wird noch zu sprechen sein.

Das Maskengesicht hat sich als hauptsächliches Biotop die Krankenhäuser und Amtsstuben ausgesucht. Zwar sind einige sogar bis an den Frühstückstisch von alten Ehepaaren vorgedrungen, tummeln sich auf dem Antlitz berühmter Schauspieler und Regisseure, den Zügen eines Talkmasters im Fernsehen oder auf denen von Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder schelten, aber in der Hauptsache, wie gesagt, sind es die Ämter und Kliniken, in denen die Maskengesichter ihr Auskommen finden. Hier werden sie gebraucht, ja, hier sind sie unentbehrlich, denn hier sind sogar diejenigen, die unter ihnen zu leiden haben, so sehr an sie gewöhnt, dass sie zu jeder Zeit erwartet werden. Wenn die Ärzte mit ihren Patienten zu sprechen vorgeben, wenn sie ihnen etwas zu erklären behaupten, wovon sie selbst als letzte glauben und wollen, dass es verstanden wird, dann legen sich die Maskengesichter ungefragt auf die Mienen der Sprechenden und verhindern, dass dieser ganze empörende Vorgang als das offenbar wird, was er ist. Schon die kleinste Hilfsschwester im ersten Ausbildungsjahr bemüht sich deshalb unaufhörlich darum, sich ein solches Maskengesicht zu verdienen und bewundert die jungen, schmucken Stationsärzte in ihren gebügelten weißen Kitteln, denen das ihre so überaus makellos zu sitzen scheint.

Verglichen mit den Maskengesichtern der Ärzte sind diejenigen der Beamten auf den Finanz-, Sozial- und Arbeitsämtern, um nur die wichtigsten zu nennen, selbstverständlich minderwertig, da meist bereits fadenscheinig und zerschlissen; zu viele Planstelleninhaber müssen sich schon lange in die wenigen dort vorhandenen teilen. Aber darum sind sie selbstverständlich nicht minder notwendig. Und sie sind auch trotz all ihrer Löchrigkeit wirksam, wenn es darum geht, all die Bittsteller, die Tag für Tag vor ihren Schreibtischen, mit nichts als dem eigenen, peinlichen Elendsgesicht, auftauchen, in die Schranken zu weisen.

Kurz gesagt, das Maskengesicht ist unentbehrlich, weiß darum und ist von nichts so überzeugt wie von sich selbst. Tatsächlich hält es sich, wenn es seinem Träger eine gewisse Zeit gedient hat, unausweichlich für das eigentliche Gesicht. Damit hängt auch zusammen, dass ihm die Dichter so verhasst sind. Dies hat drei Gründe. Erstens sind die Dichter die einzigen Menschen, die die Maskengesichter nicht benötigen, denn jeder Dichter hat ein ganz eigenes Gesicht, und es fiele ihm gar nicht ein, es herzugeben oder gegen ein Maskengesicht einzutauschen. Zweitens erkennen die Dichter die Maskengesichter der anderen und geben sie der Lächerlichkeit preis, die sie zu verdecken suchen. Und drittens, dies ist für die Maskengesichter der hassenswerteste Punkt, durchschauen die Dichter die Maskengesichter und verraten den Menschen mitunter, dass sich in Wahrheit nichts hinter ihnen verbirgt, dass hinter ihnen die Leere lauert, die vollkommene Abwesenheit von allem, was der Mensch braucht, um als Mensch leben zu können.

Was ihnen in dieser Hinsicht von den Dichtern droht, haben die Maskengesichter wohl niemals so deutlich gespürt wie im Jahre 1910, als Rainer Maria Rilke seinen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ veröffentlichte, worin er aller Welt verriet, was der Held seines Buches erlebt hatte. Er hatte in der Stadt eine Frau gesehen, die ihr Gesicht, während sie nach vorn zusammengesunken dasaß, in die Hände gesenkt hielt. Dann geschah folgendes, er schreibt: „Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengungen, bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht.“

Das, wovor Malte Laurids Brigge hier den Blick abwandte, ist die Wahrheit, deren Bekanntwerden die Maskengesichter so sehr fürchten. Natürlich kann das nicht alle Zeit gut gehen. Und wenn der Tag kommt, da man sie vertreibt, wird es niemanden geben, der ihnen verzeiht. Außer den Dichtern vielleicht.

(aus Peter H. Gogolin: Lexikon der imaginären Tiere)

16.07.2009

Religionskritik

Heute habe ich, als Vorbereitung auf ein Hume-Seminar, das in der kommenden Woche im Elsaß stattfinden wird, die Lektüre von David Humes „Dialoge über natürliche Religion“ beendet. Es war eine höchst erfreuliche und unbefriedigende Lektüre zugleich. Erfreulich deshalb, weil sich Humes Text ganz wunderbar liest und dadurch zu einem literarischen Genuss wird. Die ‚Dialogues concerning Natural Religion‘, die erst postum 1779 erschienen, sind ein literarisches Kleinod, ein Text von solch geschliffener Prosa, dass er selbst in Humes eigener Epoche, die für literarischen Stil noch ein Ohr besaß, als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Diese literarische Qualität wird von der Kritik seither auch stets betont. Um so erstaunlicher vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Lesbarkeit philosophischer Text meist ganz anders beurteilt zu werden pflegt. Ein großes Buch also, das zu Recht als Humes bedeutendste religionstheoretische Schrift gilt.













Als unbefriedigend empfand ich die Lektüre andererseits deshalb, weil sie zwar auf die denkbar genaueste Weise die Unvereinbarkeit einer wie auch immer gearteten Gottesvorstellung mit der menschlichen Erfahrung nachzeichnet, ohne dabei aber zu einer klaren Aussage über die doch offensichtliche Nicht-Existenz Gottes zu kommen, obwohl alle Argumente dafür als zwingend erscheinen. Ja, es ist sogar so, dass der gedankliche Ausgangspunkt gar nicht bei der Frage ob Gott existiert oder nicht ansetzt. Die Existenz Gottes wird in Humes Dialogen schlicht vorausgesetzt! Und gefragt wird vielmehr nach dem WESEN Gottes und dessen Vereinbarkeit mit der Erfahrung.

Zwar erweist sich auch dabei in allen Punkten, dass Aussagen über das Wesen Gottes eben gerade nicht mit unserer Erfahrung vereinbar sind und sogar in vielfache Widersprüche geraten müssen, die sich nicht auflösen lassen, wenn man nicht zum reinen Glauben Zuflucht nehmen und die realen Lebensverhältnisse der Menschen ignorieren will. Für Humes Diskussion des Themas ist das der entscheidende Punkt. Für einen religionskritischen Leser der Gegenwart bleibt hier jedoch der entscheidende unaufgelöste Rest, denn ohne die Existenz Gottes abzulehnen oder zumindest in Zweifel zu ziehen, ist eine klare Stellungnahme in dieser Frage nicht zu haben. Das sollte nicht erst durch den gegenwärtigen religiösen Fundamentalismus deutlich geworden sein.

Die Argumentation der ‚Dialogues‘ expliziert den Sachverhalt freilich im Grunde viel klarer, als die Dialogpartner im Text letztlich zuzugeben bereit sind. Und es überrascht deshalb nicht, dass nicht zweifelsfrei gesagt werden kann, welche der drei Positionen, die in den Dialogen vertreten werden, Humes eigene war. Es war dem Autor, angesichts der drohenden Konflikte mit der Kirche, ganz offensichtlich an einer Verschleierung dieser Zuordnung gelegen. Und die Tatsache, dass die Schrift zu Humes Lebzeiten mit Rücksicht auf die Kirche gar nicht publiziert werden konnte, spricht für sich.

Sieht man von der erzählerischen Rahmenhandlung ab, so ist die argumentative Zuordnung der einzelnen Dialogpartien folgendermaßen aufgeteilt. Die glaubensmäßig orthodoxe Position ist dem theistisch denkenden DEMEA zugeordnet. CLEANTHES hingegen hegt zwar keinerlei Zweifel an Gott, vertritt aber einen gewissermaßen aufgeklärten Deismus.Und als dritten haben wir PHILO, der meist den Wortführer macht und eine absolut skeptizistische Position verteidigt, die er im Grunde in allen Punkten auch durchzusetzen versteht:

„Die einzige Haltung, die dem menschlichen Verstand in dieser tiefen Unwissenheit und Dunkelheit zukommt, ist die der Skepsis oder zumindest die der Vorsicht. Er sollte eigentlich gar keine Hypothese akzeptieren, keinesfalls aber eine, die nicht einmal den Anschein von Wahrscheinlichkeit für sich hat.“ (Teil 11 / Seite 110) Dies schließt PHILO angesichts der Unmöglichkeit, die Tatsache zu erklären, dass das menschliche Leben durch so viele Übel geprägt ist, dass die Behauptung einer gütigen Gottheit, deren Schöpfung zum Besten bestellt sei, zu einer Absurdität wird.

Humes ‚Dialoge‘ versuchen zweierlei. Zum einen untersucht er die Frage der Stichhaltigkeit der bekannten Gottesbeweise. Er beleuchtet also die Frage, ob wir, wenn wir uns nicht unhinterfragt auf bloßen Glauben verlassen wollen, einen rationalen Nachweis der Existenz Gottes erbringen können. Und zweitens gelingt es ihm, das Theodizee-Problem zu formulieren, indem er die Vereinbarkeit mit der Gottesvorstellungen auf der einen und dem tatsächlichen Zustand der Welt auf der anderen Seite in aller Schärfe aufzeigt.

Nun, ich empfehle allen Interessierten die Lektüre von Humes Text, der als Band 7692 in der kleinen gelben Bibliothek des Reclam-Verlages, Ditzingen erschienen ist und gerade mal 5,00 Euro kostet. Das Buch ist zwar über 200 Jahre alt, doch ist es auch heute noch geeignet, an seiner Argumentationskraft jeden religiösen Fundamentalisten zu Schanden werden zu lassen.

28.05.2009

Zwischen Starbucks und Hegel


Eine der faszinierendsten Gestalten der Gegenwartsphilosophie ist sicher der Slowenische Philosoph Slavoj Zizek. Wie kein anderer Denker leitet er seine Zeitkritik aus Analysen unserer realen Gegenwart ab und nimmt dabei die Computerwelt ebenso in den Blick wie die Popularität des Dalai Lama oder die Untoten der Horrorliteratur eines Stephen King.

Dass er dabei nichts weniger im Sinn hat, als die Philosophie Hegels zu aktualisieren, indem er die Psychoanalyse Lacans als Werkzeug benutzt, um den Deutschen Idealismus zu verstehen, macht sein Denken nicht gerade einfach. Darum ist es sehr zu begrüßen, dass Norbert Bischofberger mit Zizek ein fast einstündiges Gespräch geführt hat, das neben seinen wesentlichen denkerischen Positionen auch seine Persönlichkeit sichtbar werden lässt.

Auf der Web.TV Plattform ist dieses Gespräch unter der Adresse http://www.teleboy.tv/video/TagesschauMittagsausgabe/feature/16260/info verfügbar.

Und bitte, stören Sie sich nicht daran, dass Zizek sein T-Shirt aus einem Altkleider-Container geklaut zu haben scheint, auch nicht an seiner massiven Nervosität, die ihn permanent an die eigene Nase und nach anderen Körperregionen greifen lässt. Und über den Umstand, dass sein Englisch ein Skandal ist, wie mein Bruder D. sagte, wollen wir ebenfalls hinweg sehen. Der Mann hat nämlich wirklich etwas zu sagen, völlig unabhängig von diesen Äußerlichkeiten.

22.04.2009

“Eistage” - d a s Stück zum vermutlich letzten großen Kriegsverbrecherprozess in Deutschland

Deutschland steht der vermutlich letzte große Kriegsverbrecherprozess bevor. Der mutmaßliche ukrainische Massenmörder aus Treblinka, John Iwan Demjanjuk soll von den USA nach Deutschland ausgewiesen werden. “Demjanjuk ist, was die Zahl seiner Opfer anbetrifft, sicher eine ganz große Nummer”, sagte Kurt Schrimm, der Leiter der Ludwigsburger Fahndungsstelle für NS-Verbrechen. Der 59-jährige Oberstaatsanwalt gab im November 2008 ein Vorermittlungsverfahren gegen Demjanjuk an die Staatsanwaltschaft München I ab: “Aus unserer Sicht kann Anklage erhoben werden.”

In letzter Minute verhinderte ein amerikanisches Gericht die Auslieferung. Am 14. April 2009 wurde Demjanjuk in Ohio in Auslieferungshaft genommen und sollte am 15. April 2009 in München ankommen, um in der Krankenstation der Justizvollzugsanstalt München seine Untersuchungshaft anzutreten.

„Alter allein kann und darf vor einer Anklageerhebung nicht schützen“, forderte der Holocaustüberlebende und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer. Eine weitere Wende im Fall Demjanjuk kündigte sich kurz vor dem geplanten Abflug am 14. April 2009 an, als seine Auslieferung nach Deutschland in letzter Minute durch ein Berufungsgericht vorläufig ausgesetzt wurde. - Lesen Sie zum Fall Demjanjuk mein Monodrama “Eistage“. Zu bestellen beim Theaterstückverlag, München.

15.12.2008

Die Zeitschleiche

Wie der Mievillesche Falter gehört die Zeitschleiche zur Spezies der Traumfliegen, ist im Gegensatz zu diesem jedoch gutartig. Sie hat durch die frühe Anpassung an den Menschen ihre ursprüngliche Flugfähigkeit außerdem schon so lange eingebüßt, dass ihr diese Verwandtschaft nicht mehr anzusehen ist. Stattdessen beflügelt sie, wo das durch Erziehung nicht unterbunden wird, die Phantasie ihrer menschlichen Wirte.

Meist lebt die Zeitschleiche verborgen zwischen Flusen, Krümeln und Kleinkram jedweder Art in Hosen-, Mantel- und Jackentaschen. Menschliche Wirte bekommen ihren ersten Kontakt mit der Zeitschleiche meist schon im frühen Kindesalter, spätestens aber mit Beginn der Grundschule. Typisches Symptom für die Inkubationsphase des betroffenen Kindes sind spontane Ausbrüche phantastischer Erzählungen, die von den Eltern in der Regel mit der Bezeichnung „Lügengeschichten“ abqualifiziert werden. Viele Kinder beginnen schon in diesem frühen Stadium alles, was auf die Anwesenheit der Zeitschleiche hinweisen könnte, zu verbergen, um nicht den abschätzigen Schmähungen der Erwachsenen ausgesetzt zu sein.
Der voll ausgeprägte Kontakt des Kindes mit der Zeitschleiche äußert sich dann darin, dass es immer wieder die Zeit zu vergessen scheint und so beispielsweise den Nachhauseweg von der Schule derart signifikant ausdehnt, dass die erbosten Mütter, die mit dem Mittagessen auf sie gewartet haben, sie der Trödelei, der Saumseligkeit, der Bummelei oder einfach der Vergesslichkeit zeihen, um nur die üblichsten der Beschimpfungen hier aufzuführen.

Tatsächlich trifft nichts davon zu, denn die so gescholtenen Kinder sind in Wirklichkeit höchst aktiv, bereisen, während sich ihr Heimweg mehr und mehr ausdehnt, in der Phantasie auf silbernen Viermastern fernste Meere, kämpfen gegen die heimtückischen Belagerer mittelalterlicher Burgen und retten, je nach sexueller Orientierung, feenhafte Prinzessinnen oder schmalhüftige Prinzen vor zähnestarrenden Untieren.
Leider setzen sich jedoch die wartenden Mütter immer durch, sodass sich nach und nach die Prinzen und Prinzessinnen in die böse picklige Realität der Mitschüler zurückverwandeln, alle Traumburgen geschliffen werden und die silbernen Schiffe untergehen.

Die Folgen sind verheerend und prägen das gesamte Leben der Betroffenen, denn die Zeitschleiche existiert ja noch. Da sie jedoch ihren Wirt, dem die Phantasie mit der Kindheit ausgetrieben wurde, nicht mehr zu beflügeln vermag, bleibt nur ihre negative Auswirkung zurück; die Verzögerung von Handlungen, die Dehnung zeitlicher Abläufe, die ihr den Namen gegeben hat. Man findet die Spuren dieser Entwicklung überall. Ob sich Taxifahrer plötzlich stundenlang in unübersichtlichen Nebenstraßen verfahren, Finanzbeamte über Bergen von längst überfälligen Aktenvorgängen gähnen oder Politiker in endlosen Schleifen die gleichen nichtssagenden Sätze repetieren, immer steckt ein unglückliches Kind dahinter, das seine von der Zeitschleiche initiierten aufregenden Phantasiereisen unterdrücken musste, um es der nörgelnden Mutter recht zu machen.

Aber auch Mütter sind einmal Kinder gewesen, auch in ihren Taschen lebt noch eine Zeitschleiche, die, des Sinns ihres Daseins beraubt, für so manchen mütterlichen Aussetzer verantwortlich ist. Und dort, wo die Unterdrückung der Zeitschleiche nicht vollständig gelungen ist, kann es vorkommen, dass Mütter des Morgens am Frühstückstisch plötzlich mit leerem Blick von dem Jungen in der schwarzen Lederjacke zu träumen beginnen, der ihnen vor Jahrzehnten auf dem Pausenhof der eigenen Kindheit begegnet ist.
Bei solchen Müttern kann es vorkommen, dass ihre Kinder sie schon bei der Heimkehr aus der Schule nicht mehr antreffen. In solchen Fällen haben alle eine Chance bekommen, Mutter, Kind und Zeitschleiche.

(Aus Peter H. Gogolin: Lexikon der imaginären Wesen)

13.12.2008

Wenn das die Literaturagenten und Autoren lesen

Ernst Jünger schreibt in "Autor und Autorschaft":

"Gaston Gallimard sagte mir einmal: 'Ein gutes Buch ist unverkäuflich - wie eine anständige Frau'"

UND

"Wer sich in der Jugend an Büchern gebildet hat, wiegt sich in zu großen Erwartungen. Er tritt mit idealen Maßen in eine Welt banaler Interessen ein."

Ob er lesen kann?

NOCH NICHT !

Eine Nachricht, die man außen an die Tür hängen sollte. Für wen? Natürlich für den Tod.

10.12.2008

Warum?

Warum schreibt oder malt man, wenn nicht, um im künstlerischen Akt erstmals etwas sichtbar zu machen. Das Ziel muss immer sein, etwas zu malen, zu schreiben, was vorher nicht gesehen worden ist, nicht gesehen, nicht wahrgenommen werden konnte.

03.12.2008

Um mich hin und wieder selbst daran zu erinnern

Alles Gewordene ist vergänglich

Alles Gewordene ist veränderlich, vergänglich,
in sich zerbrechlich
wie ungebrannter Ton.
Es gleicht etwas Geliehenem, einer Stadt
die auf Sand gebaut ist,
und existiert nur kurze Zeit.

Unaufhaltsam löst es sich auf
wie Putz, der vom Regen weggewaschen wird,
wie das Sandufer eines Flusses –
es ist ganz und gar bedingt
und dem Verfall unterworfen.

Wie Kerzenlicht flackert es plötzlich auf,
um im nächsten Augenblick
zu verlöschen.
Es ist unbeständig wie der Wind
oder wie Schaum, flüchtig
und leer.

Der Weise kennt die Begrenzungen des Ichs,
sein Zustandekommen
und sein Vergehen –
der Weise weiß, dass es aus dem Nichts
kam und ins Nichts zurückkehrt,
dass es unwirklich ist
wie ein Zaubertrick.

Der Weise schaut die wahre Wirklichkeit
und erkennt die Leere und Ohnmacht
alles Gewordenen.

Nach dem Lalitavistara

02.12.2008

Steuerliche Anreize für Denunzianten

Fand dieser Tage ein Notizbuch wieder, das ich 2005 während eines Aufenthaltes in Luzern geführt habe. Darin die Eintragung, dass in einem Artikel zum Thema der "Schweizerischen Notstandsgesetzgebung" der 'Neuen Luzerner Zeitung' vom 20. August u.a. der Vorschlag gemacht wird, Denunzianten steuerliche Anreize zu bieten, um möglichen Terroristen durch Hinweise aus der Bevölkerung habhaft zu werden.

"Den Boden fegen und Verräter stigmatisieren oder Fremde ausweisen - alles scheint von demselben Motiv auszugehen, Ordnung zu bewahren, ..." schreibt Zygmunt Bauman in "Unbehagen in der Postmoderne", S.19

Ich habe beschlossen, den eidgenössischen Vorschlag für meinen neuen Roman "OUT" aufzugreifen; solch absonderliche Ideen soll man nicht unbeantwortet lassen.

01.12.2008

War's recht?

Der Kellner im Stuttgarter Restaurant "Ketterer", dem ich drei Stunden hindurch, während ich auf meine Frau wartete, zuhören konnte/musste, äußerte in dieser Zeit unentwegt nur einen einzigen Satz. Er lautete: "War's recht?"

Ohne die geringste Variation, weder in der Wortwahl noch im Tonfall, wiederholte er diesen Satz. Und selbst wenn an einem Tisch vier Personen saßen, die gleichzeitig aufgegessen hatten und nun abräumen ließen, so fragte er immer wieder auf diese irritierend gleiche Weise, während er beim Einsammeln des Geschirrs von Gast zu Gast ging, sein "War's recht?"

Er muss diesen Satz während seiner täglichen Arbeitszeit wohl vielhundertfach wiederholen, vieltausendfach pro Woche also usw., ohne auch nur ein einziges Mal das Bedürfnis zu haben, ihn irgendwie abzuwandeln. Wie kann das sein?

Aber vielleicht tue ich ihm Unrecht. Vielleicht ist er ja ein ZEN-Praktizierender, der statt des Koans MU das Koan "War's recht?" zu lösen hat.

Wenn dem so wäre, dann könnte es passieren, dass er eines Tages, während er vielleicht Spätzle mit Röstzwiebeln serviert, die Erleuchtung erfährt, die ihn in ein lautes Lachen ausbrechen, alles hinwerfen und fortlaufen lässt! Ich tät's ihm gönnen!

28.09.2008

Dialog vor Beginn des Hegelseminars

- Ei ja, der Nietzsche hats ja nicht geschafft!
- Wieso? was hat denn der gesagt?
- Ei, der ist doch am End verrückt worde.
- Aber doch nich wegen dem Hegel!
- Ah na, des weiß i jetzt nich, aber zum Beispiel wegen dem Wagner.
- Ja, den hät der ja verachtet.
- Aber des weiß ich nu nich, ob das wegen derer Philosophie war.

17.09.2008

Zum Tod von David Foster Wallace

Als ich vor zwei Tagen in der "Kulturzeit" auf 3sat Ernst Grandits berichten hörte, dass sich der amerikanische Autor David Foster Wallace in seinem Haus erhängt habe und dort von seiner Frau gefunden worden sei, habe ich aufgeschrien. Es war wie eine Erschütterung in meinem Körper, die immer noch nachwirkt. Ich hatte zuletzt seine großartige Arbeit über den Mathematiker Georg Cantor gelesen.

Meine Überlegungen, was ich über Wallace in meinem BLOG schreiben könnte, wurden nun vor einer knappen Stunde auf sehr angemessene Weise entschieden, als Andy Lettau mir mailte. Ich setze seinen Text ohne Kommentar hierher, möchte damit aber ausdrücklich sagen, dass er das, um was es mir angesichts dieses bedauerlichen Todes geht, treffender ausgedrückt hat, als ich es momentan könnte.

Lettau schreibt:

Ups, las Ihren Nachsatz erst jetzt. Hatte den Tod von DFW vor zwei
Tagen in einem Forum im Schnellschuss kommentiert. Hat kein Schwein
verstanden:

DAVID FOSTER WALLACE TOTal zu erkennen und zu verstehen ist wohl
unmöglich.
Vielleicht muss man aber nur wie ein entlassener Mitarbeiter von
Toyota denken.
Die Komplexität produzierende Hand lässt einfach das Lenkrad los.
Das Navigationssystem fliegt auf den schwitzenden Asphalt.
Das Gehirn arbeitet zur Verblüffung plötzlich eigenständig.
Der Mensch findet seinen eigenen Weg.
Nimmt sogar eine Abkürzung.
Um den Irrsinn herum.
Ende des Albtraums.
Einfach Ende.
Einfach.
Aus.

So weit Andy Lettau, dem ich für die Erlaubnis, seinen Text hier einzustellen, danke. Ich sage vorerst einfach mal, schade, dass Du das gemacht hast, DFW. Und vor allem, weil es auf diese brutale Tour sein und deine Frau dich so finden musste. Aber okay, manchmal geht es eben einfach nicht mehr weiter.

04.07.2008

Wofür ich meine acht Leben brauche

Eins - zum Lesen
das ist klar.

Zwei - zum Schreiben
Jahr um Jahr.

Drei - verbringe ich
auf Reisen.

Vier - beim Trinken
und beim Speisen.

Fünf - mit meiner Lieb allein
die ist manchmal nicht daheim.

Sechs - verrate ich Euch nicht
das ist ganz allein für mich.

Das siebte endlich dann
zum Denken.

Und das achte? Wer wirds raten?
Das ist einfach zum Verschenken!

Weil das Schenken schöner ist
als ein fetter Gänsebraten.

10.06.2008

Vita brevis est

Wenn das Bewusstsein einmal
mehr als die 16 Bit enthält, die uns
die Informationstechnologie für unser
Kurzzeitgedächtnis zugesteht, was
wissen wir dann? Sind wir nicht alle
Inseln im Strom der Wahrnehmung?

Und des Vergessens, eingerahmt
von einem Vorher und Nachher, das
nur dann einen Sinn macht, wenn
wir selbst diesen Sinn behaupten?
Aber wir wollen ja, dass Wahrheit sei
und finden uns mit der Lüge leicht ab.

Einmal, vor mehr als vierzig Jahren
saß ich auf einer grünen Bank
die an einem Waldsaum in einem
deutschen Mittelgebirge stand
und küsste die Brüste eines jungen
Mädchens, das darüber ebenso

erschrocken und entzückt war, wie ich.
Wenn ich mich zu erinnern versuche
so kommt es mir vor, als habe ich ihren
Namen nie gekannt. Aber das, was ich
durch sie verstanden habe, lässt mich
heute noch unruhig werden. Wie viel
Bit braucht es für diese Gedächtnisspur?

09.06.2008

Die Grösse der Seele messen

Zu den Dingen, die mir besonders viel Spaß machen, gehört die Auseinandersetzung mit den Thesen derjenigen, die der Philosoph John R. Searle die “Vertreter der starken KI” genannt hat. Die KI (Künstliche Intelligenz) verfolgt das Ziel, mit Computern die Tätigkeit des menschlichen Geistes nachzubilden und ihn eines Tages möglicherweise gar zu übertreffen. Dabei wäre es natürlich ein erstrebenswertes Ziel, ihn überhaupt erst einmal zu verstehen.
Um es kurz zu machen, ich teile die Ansicht von Philosophen wie Searle und Roger Penrose, dass die Ziele der starken KI nicht zu erreichen sind. Insbesondere finde ich die argumentative Kraft von Searles Gedankenexperiment des “Chinesischen Zimmers” evident. Dies sei hier ohne weitere Begründung gesagt, da es mir darum im Moment nicht geht.

Worum es mir geht, das ist Douglas Hofstadter. Er ist vermutlich derjenige Vertreter der starken KI, der international als einziger einem größeren Publikum bekannt ist, seit er das Buch „Gödel, Escher, Bach – ein Endloses Geflochtenes Band“ publizierte, für das er 1980 den Pulitzer-Preis sowie den American Book Award (Science Hardback category) erhielt.

Ich habe im Jahr des Erscheinens bei Radio Bremen unter dem Titel ”DIE ORGANISATION DES DENKENS“ eine dreiviertelstündige Radiosendung über dieses Buch veranstaltet. Aber das ist alles Vorgeschichte. Seither habe ich natürlich alle seine Buchpublikationen verfolgt. Schon allein deshalb, weil ich sehen wollte, wie die zeitlichen Projektionen auf die Leistungsfähigkeit von Computern regelmäßig zuschanden wurden. Dann aber auch, da Doug höchst originell ist und nicht davor zurückschreckt, wirklich etwas zu wagen. Welcher gegenwärtige Denker würde sich schon zu Kapitelüberschriften wie ”Wie fühlt es sich an, eine Tomate zu sein?“ oder zu ”Kann Klopapier denken?“ hinreißen lassen?

Sein momentan letztes ins Deutsche übersetzte Buch ”Ich bin eine seltsame Schleife“, das ich gegenwärtig lese, wirkt freilich recht enttäuschend. Es ist nicht nur erklärtermaßen eine vereinfachte Darstellung der meisten Positionen von Hofstadters Konzept der artifiziellen Intelligenz. Es versteigt sich vor allem sogar zu einer Definition der Seele, die sich recht absurd liest. Erstaunlich ist dies freilich schon allein deshalb, weil sich kein Philosoph der Gegenwart und schon gar kein Wissenschaftler jemals dazu bereit gefunden hätte, den Begriff Seele auch nur in den Mund zu nehmen. Womit man sich beschäftigt, das ist das Bewusstsein. Der Geist im Sinne des Mind noch, aber die Seele gewiss nicht.

Hofstadter tut es. Und er scheut sich auch nicht, die Seele zu definieren. Klar, das ist selbstverständlich unverzichtbar, wenn man hernach von den unterschiedlichen Größen der Seelen handeln will. Aber, was ist denn nun die Seele eigentlich??? Nach Hofstadter, der an diesem Punkt gewissermaßen bei Kant klaut, ohne ihn zu nennen, ist die Seele nichts anderes als das System an Begrifflichkeiten und Symbolen, mit dem wir unsere Wahrnehmungen ordnen. Kant würde zu Hofstadter zwar sagen, dass die Tatsache, dass wir über ein Symbolsystem verfügen, das unsere Vorstellungen strukturiert, noch längst nicht zur Annahme der Existenz einer Seele berechtigt. Letzteres ist einfach ein Beispiel für die schlechte Metaphysik, die uns immer wieder zu all den unhaltbaren Aussagen über Gott, Jenseits, das Leben nach dem Tode usw. verleitet.

Nun, die Begrifflichkeiten bei Hofstadter gehen reichlich durcheinander, sodass er das, was er einerseits als Seele bezeichnet, andererseit auch einfach mit so etwas wie ”Innerlichkeit“ gleichsetzt und dann übergangslos zum Ich und zum Bewusstsein gelangt. Zitat: Das zentrale Anliegen dieses Buches ist der Versuch, diese ”subtile innere Struktur“ zu bestimmen, von der ich annehme, dass sie dem zu Grunde liegt oder das hervorbringt, was ich hier eine ”Seele“ oder ein ”Ich“ genannt habe. Ich hätte genauso gut von einem ”inneren Licht“ sprechen können, von ”Innerlichkeit“ oder von dem alten Hit ”Bewusstsein“.

Mir will scheinen , dass ein derart unsubtiles Palavern über diese ”subtile innere Struktur“ selbst den unbedarftesten Suppenköchen der Esoterik nicht recht schmecken dürfte. Das hindert Hofstadter nicht daran, sogar die unterschiedliche Größe der Seele zu bestimmen, die verschiedene Lebewesen seiner Ansicht nach zwangsläufig haben müssen. Klar, wenn Seele, Ich, Bewusstsein etc. nur ein ”System von Begriffen und Symbolen“ ist, dann verfügt ein Atom, ein Virus, eine Mikrobe natürlich über sehr wenig bis gar nichts davon. Bei Mücken, Bienen, Goldfischen, Hühnern und Kaninchen wirds dann schon schwieriger, da wir ihnen sicher ein gewisses System innerer Symbole zugestehen müssen, sei es nur, um zu verstehen, wie sie auf wiederkehrende Reize reagieren etc. Hunden, Menschen mit Hirnschaden, geistig zurückgebliebene Menschen, senile Menschen besitzt dann schon weit mehr Seele/Bewusstsein. Aber wirklich viel hat davon selbstverständlich nur der normale, erwachsene Mensch. Ein Zwanzigjähriger also weit mehr als ein Zweijähriger.

Beseeltheit ist also nach Hofstadter kein An/Aus-Modus, sie entwickelt sich vielmehr stufenweise und kann auch wieder schwinden. Zitat: Ich glaube ...., dass eine menschliche Seele allmählich entsteht, im Lauf von Jahren der Entwicklung.

Was natürlich ebenso Folgen für unsere Ernährung haben dürfte wie für die Frage der Abtreibung, was Hofstadter auch selbst anmerkt. Denn so wie der Zellklumpen nach der Befruchtung über keinerlei Begrifflichkeit und Symbolsystem verfügen dürfte, das ihn in den Status des Beseelten versetzen könnte, so könnte ich ohne in ein moralisches Dilemma zu geraten, zwar eine Tomate essen, nicht aber ein Tier, das auf der Hofstadterschen Skala zwar nicht ganz oben aber immerhin im Mittelfeld angetroffen wird. Hunde essende Chinesen fallen dabei freilich schon total durch, denn Hunde kommen nach Hofstadter gleich unter den Menschen mit Hirnschaden. Und die essen wir ja auch nicht. Oder vielleicht doch? Ein Glück, dass ich schon längst Vegetarier bin.

08.06.2008

100 Gramm Hackfleisch

Dass Wassermangel künftig eine Gefahr für den Weltfrieden sein wird, dass wir also Kriege um Wasser führen werden, geht seit Jahren immer wieder als Meldung durch die Presse. Die Szenarien werden sich vom Krieg um Öl zum Krieg um Wasser wandeln, so heißt es. Was ich dabei freilich noch niemals auch nur erwähnt fand, das ist der Umstand, dass einer der vielleicht wichtigsten Gründe dafür in der Tatsache des übermäßigen weltweiten Fleischkonsums liegt.

Sehr lehrreich wird dieser erschreckende Umstand nun in Wolfram Mausers Buch "Wie lange reicht die Ressource Wasser?" deutlich gemacht. Wolfram Mauser, Professor für Geographie und Fernerkundung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schildert eindrücklich wie zum Beispiel das allgemein so beliebte Nahrungsmittel Rindfleisch für seine Produktion gigantische Mengen an Wasser erfordert. So benötigt man für die Erzeugung von gerade mal 100 Gramm Hackfleisch sage und schreibe bis zu 7000 Liter Wasser.

Mauser schreibt: "An kaum einer anderen Stelle wird die Dominanz der Lebensstile in der Nutzung der Wasserressourcen der Erde deutlicher als in diesem Fall. Stellen Sie sich also beim nächsten Verzehr eines Hamburgers vor, dass Sie dabei auch 35 gefüllte Badewannen Wasser, sozusagen virtuell, zu sich nehmen."

Riskieren wir also letztlich Kriege, weil Fleischesser in absurdem Ausmaß Wasserverschwender sind? Ja, dem ist wohl so. Wenn sich die Menschheit nur vegetarisch ernähren würde, ließe sich der Weltwasserverbrauch auf die Hälfte senken.

Nun, ich gehe nicht davon aus, dass sich Fleischesser eines Besseren belehren lassen, das sei abschließend gesagt. Ich bin ganz sicher, dass sie ihren unsinnigen und gemeingefährlichen Lebensstil bis zum letzten Krümel Hackfleisch verteidigen werden.

15.05.2008

Die Traumtrinker

Natürlich sind die Traumtrinker nachtaktiv, doch das ist nicht der Grund, weshalb kaum jemand sie zu Gesicht bekommt. Dies liegt daran, dass die Traumtrinker zur Spezies der Allimentiertvisibilen gehören. Ihre Sichtbarkeit hängt also von ihrem Sättigungsgrad ab. Und da der Tag für sie die Zeit des Hungers ist, so verschlafen sie ihn meist unsichtbar auf Hausdächern, Türmen und hohen Brückenbögen, von wo aus sie bei Einbruch der Dämmerung, wenn sie erwachen, die Stadt überblicken können, die nun bis zum Morgengrauen wieder ihr Jagdrevier sein wird.

Die Opfer der Traumtrinker sind diejenigen Schläfer, die am Tag von sich selbst zu behaupten pflegen, dass sie niemals träumen. Natürlich stimmt das nicht, denn in den weiten Gärten des Traumes ist jeder zu Gast. Aber einige Menschen sind so nachlässig, dass sie ihre Träume nicht zu schätzen und zu behüten wissen. Andere gar haben Grund, das Wissen um ihre Träume zu fliehen. Diese suchen die Traumtrinker heim, um sie am Ende ihrer Jagd leergetrunken zurück zu lassen.

Wenn die Sonne sinkt und der Traumtrinker erwacht, ist er so schwach und durchsichtig, dass ein zufälliger Beobachter durch ihn hindurch blicken würde, wenn er ihn zu Gesicht bekäme. Ausgehungert wie die Traumtrinker nun sind, reicht schon der leichteste Luftzug, um sie von den Dächern zu wehen. Sie lassen sich dann einfach von der Strömung der Thermik treiben, und wenn sie dabei einmal ins Licht geraten, wirken sie wie Schlieren, als habe die Luft plötzlich eine Struktur bekommen. Ihre Zeit beginnt mit den Stunden der Suche, in denen sie sich die traumatischen Ausdünstungen der Schlafenden zutreiben lassen, sie in ihrem höchst komplexen Riechhirn analysieren und dabei nur Spuren solcher Träume speichern, die ihre Lebensenergie bilden; natürlich sind dies nur die widerlichsten und absonderlichsten. Träume von Inzest, Blutdurst, Koprophagie und allen Arten von Tabubrüchen sind es, die sie schon aus großer Entfernung aus dem Wirrwarr der allgemeinen Traumdünste herausspüren und von denen sie geleitet werden, wie die Fledermäuse von ihren eigenen Ultraschallsignalen. Ergiebige Tabuträumer werden deshalb auch meist von ganzen Flugrotten von Traumtrinkern angeflogen. Ihr Eindringen in die Schlafräume erfolgt in Sekunden, und wenn sie den Schläfer gesättigt wieder verlassen, tragen sie seine verschwitzten Pollutionen mit sich fort.

Gegen Morgen, wenn der Schlaf flacher wird und die Traumphasen der Schläfer sich häufen, werden die Traumtrinker von all den einverleibten Träumen so satt, dass sie ihre Durchsichtigkeit verlieren. Sie erheben sich deshalb schon vor Sonnenaufgang unbeholfen und torkelnd wieder in die Lüfte, um ihre Jagdgebiete zu verlassen und auf den Dächern Zuflucht zu suchen. Zurück bleiben leer getrunkene Träumer, die die Traumtrinker, ohne es zu wissen, mit Psychopathien gemästet haben und sich selbst nun traumlos und unschuldig wähnen.

(Aus Peter H. Gogolin: Lexikon der imaginären Wesen)

21.04.2008

Das Herz hat ein langes Gedächtnis

Wir sprechen gern vom „Loslassen“, wenn wir eine Therapie machen oder uns mit Meditation beschäftigen. Wie wichtig es ist, die Fixierungen an eingefahrene Verhaltensweisen und längst unsinnig gewordene Vorstellungen und Reaktionsmuster zu lösen, um uns zu entwickeln und möglicherweise heil und ganz zu werden, ist fast zu einem Gemeinplatz geworden. Schließlich ist das Wissen darum ja auch uralt, hat doch Buddha bereits vor zweieinhalbtausend Jahren das „Anhaften“, also das Nichtloslassenkönnen, als die Quelle allen Leidens identifiziert.

Freilich ist die Vorstellung, die wir mit dem Loslassen verbinden, fast immer die eines geistigen Vorgangs, eines mehr oder weniger bewussten Aktes. Und da wir uns in geistiger Hinsicht für autonom halten, so gehen wir auch davon aus, dass das Loslassen möglich sein muss. Es mag schwierig sein, denken wir, vielleicht bin ich noch nicht so weit, aber andere haben es doch auch geschafft. Warum also nicht ich?

Dass es mit dem Loslassen etwas anders beschaffen sein könnte, hätte ich erstmals vor bald dreißig Jahren verstehen können. Anfang der Siebziger ließ ich mich in die gerade in aller Munde befindliche TM, die so genannte ‚Transzendentale Meditation’ einführen. Dann saß ich, um zu meditieren, doch statt großer Einsichten oder irgendwelcher mystischer Erlebnisse suchte mich überraschend ein heftiger Schmerz im linken Knie heim. Ehe ich mich versah, war ich wieder der zehnjährige Junge von einst, der im Hof hinter der elterlichen Wohnung auf der Kellertreppe hockte, sein blutendes Bein festhielt und sich nicht zu helfen wusste. Dass dieser Schrecken noch in meinem Körper steckte, das hatte ich nicht gewusst. Damals schon hätte ich begreifen können, was da vorlag.
Und auch Jahre später, als ich damit begann, mir im späten Erwachsenenalter das Klavierspielen beizubringen, wäre eine gute Chance gewesen, endlich einzusehen, wie sehr wir Körper sind. Immer unsicher in der schwarzen Zauberschrift der Noten, die vor mir aufgeschlagen standen, begann ich mich darüber zu wundern und zu freuen, wenn meine Finger plötzlich wie von allein eine Passage spielten, ohne dass ich hätte angeben können, wo diese Stelle genau zu finden war. Fingergedächtnis nannte ich das. Wer spielte da eigentlich? Ja, im Grunde griff die Frage sogar noch zu kurz, da schien es nämlich nicht nur ein Gedächtnis in den Fingern zu geben, auch ein Gefühlsleben war vorhanden. Das machte sich zum Beispiel deutlich bemerkbar, wenn ich auf Reisen war und auf das Klavierspiel vorübergehend verzichten musste. In einem Gedicht schrieb ich darüber und nannte es „die verrückte Sehnsucht der Finger / in Abwesenheit des Klaviers“. Noch später, als mein Körper schon längst auf anderen Wegen deutlich auf sich aufmerksam gemacht hatte, schrieb ich ein Gedicht über das Gedächtnis des Herzens, wie ich das nun für mich nannte. Es geht so:

In der Nacht Walzerklänge

Mein Herz, dieser fremde Gast in der Brust.
Regelmäßig am Nachmittag klopft er an,
etwa zwischen vier und fünf.
Ich nehme ihn dann mit auf den Postgang,
rede mit ihm wie mit einem unartigen Kind.
Aber er hört nicht auf mich.

Mag sein, ich habe mit ihm einen alten Vertrag,
an den ich mich nicht erinnere,
und er erfüllt nur seine mahnende Pflicht.
Mag sein, er weiß etwas, das ich nicht wissen will.

Es ist vermutlich das Licht, der Geruch von feuchtem Haar und
Walzerklänge in der Nacht. Die ganze lange Geschichte eben.
Dazu Farben. Resedagrün zum Beispiel, das Blau
im Innern des Eises und das unglaubliche Leuchten
im Moment der Berührung einer fremden Haut.

Mag sein, zwischen uns besteht ein Vertrag
über die Dinge, denen ich untreu geworden bin.
Das Herz kennt all das und bewahrt es auf,
für den Tag, da es bricht. *

Gut möglich, dass die in diesem Gedicht ausgesprochene Vermutung, es bliebe bis zum Tod erhalten, was sich da in der Zeit unseres Lebens in den Körper eingeschrieben hat, pessimistisch klingt. Sicher scheint mir hingegen, dass der Körper all das kennt und es aufbewahrt. Und dass wir darüber in keiner Weise direkte Verfügungsgewalt besitzen und von der Möglichkeit, die Erfahrungen unseres Körpers „loszulassen“, meilenweit entfernt sind, das erscheint mir evident.

In seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ schreibt Jean-Paul Sartre, dass der Körper keineswegs eine zufällige Zutat zu meiner Seele ist „sondern im Gegenteil eine permanente Struktur meines Seins und die permanente Möglichkeitsbedingung meines Bewusstseins als Bewusstsein von der Welt und als Entwurf, der auf meine Zukunft hin transzendiert.“ Wenn dem so ist, dann ist es freilich dringend notwendig, die Erfahrung des Körpers nicht zu ignorieren. Ich habe nicht einmal die Möglichkeit, sie als vergangen abzutun, denn das, was sich in meinen Körper eingeschrieben hat, bestimmt meine Gegenwart ebenso wie die Weise, in der ich mich in die Zukunft hinein entwerfe.

Auch das hatte ich auf der körperlichen Ebene längst erfahren, bevor es mir hinreichend bewusst wurde. Sechs Monate nach einer schweren Krebserkrankung mit erfolgreicher Operation, als alle Welt mir ständig zu meinem neuen Leben gratulierte, fiel mir auf, dass ich immer noch in einer Art Betäubung durch die Welt lief und mir wie ein Zombie vorkam. Ein neues Leben? Was sollte das sein? Und dass ich es bemerkt hatte, reichte noch nicht einmal aus, denn ich brauchte weitere drei Monate, um von dieser Betäubung halbwegs frei zu werden.

Natürlich stimmt es, dass das Anhaften die Ursache allen Leidens ist. Aber um frei zu werden, müssten wir eben auch unsere körperlichen Traumata loslassen können. Kann das gelingen?
Meine alte Freundin G., mit der ich vor über dreißig Jahren studierte, nun längst wie ich im sechsten Lebensjahrzehnt angekommen, lebt ein Leben, das bis auf den heutigen Tag von der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs bestimmt ist, den sie in der Kindheit erleben musste. Sie arbeitet selbst als Therapeutin, begegnet dieser traumatischen Erfahrung also gewiss in vieler Hinsicht besser gerüstet, als andere Menschen. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass der Missbrauch ihr Leben zerstört hat und weiter zerstört. Dies auch nur in Gesprächen und Briefen miterleben zu müssen, hat mich mitunter so bedrückt, dass ich mich immer wieder zu Ratschlägen hinreißen ließ, weil ich nicht ertragen konnte, sie so leiden zu sehen. Warum, so dachte ich, kann sie sich nicht davon befreien? Sie ist doch eine erwachsene, selbstbestimmte Frau. Sie ist doch nicht mehr das Kind von damals! Das ging so lange, bis sie mir endlich zurief: „Bitte keine Ratschläge mehr! Ich kenne sie alle, habe alle ausprobiert. Und ich weiß, dass sie nicht funktionieren.“

Ja, sie hat Recht. Sie hat deshalb Recht, weil wir auf der Ebene des Körpers niemals aufhören werden, eben auch dieses Kind zu sein, als das G. vor Jahrzehnten den Missbrauch ertragen musste. Da können wir im Kopf noch so viel „loslassen“ wollen. Die Sprache des Körpers ist eine andere. Ich gebe G. Recht und trauere gleichzeitig um sie. Allerdings nicht ihrer Vergangenheit wegen. Dieser Teil ihres Lebens ist nicht zu ändern.
Zu ändern wäre nur ihre Gegenwart, und ich bin trotz allem vollkommen davon überzeugt, dass das möglich ist. Wenn das Anhaften die Quelle des Leidens ist, dann ist auch die Befreiung möglich, selbst wenn unser Körper in jeder einzelnen Zelle all das gespeichert haben sollte, was uns jemals widerfahren ist. Dafür müssten wir uns freilich zu allererst von der smarten Vorstellung des Loslassens selbst befreien. Wenn der Körper sich ebenso an jeden Schmerz erinnert, wie er sich Klaviersonaten von Mozart einverleibt, wenn unser Leib also im Grunde eine lebendige Aufzeichnungsfläche ist, auf der jede Freude und jede Narbe ihren Platz hat, wer sind dann wir, dass wir glauben, irgendetwas davon „loslassen“ zu können. Natürlich können wir das nicht! Das einzige, was wir können, ist, die Dinge anzuerkennen.
Ja, ich möchte vorschlagen, das Loslassen gegen das Anerkennen, das Akzeptieren einzutauschen. Das soll nicht heißen, dass man die schlechten Verhältnisse gut heißt. Natürlich sollen wir den Vergewaltiger als das benennen, was er ist, und seiner Strafe zuführen. Selbstverständlich sollen wir den Krebs ebenso bekämpfen, wie wir uns gegen gesellschaftliche Missstände wenden sollten. Aber die Narbe, die wir bei all dem empfangen haben, die ist unser Leben. Die Narbe selbst gilt es zu akzeptieren, so schwer es auch fallen mag.

Als ich kürzlich im Schwarzwald mit einem Überlandbus fuhr, fühlte ich mich gestört, weil der Busfahrer im Radio einen Sender mit deutschen Schlagern laufen ließ. Ich versuchte zuerst weg zu hören, da ich deutsche Schlager meist nur schwer ertrage, und ärgerte mich dann, weil es natürlich nicht gelang. Nun hatte ich die Wahl, ich konnte mich die nächste Stunde sinnlos ärgern oder die Musik akzeptieren. Kaum hatte ich das getan, als ich einen der Texte wahrzunehmen begann. Ein müder Sopran sang immer wieder den Refrain „Wenn das Glück mich verlässt, halt ich die Scherben noch fest.“ Genau so funktioniert es, dachte ich! Wir klammern uns an unsere Lebensscherben, wobei wir uns natürlich wieder und wieder verletzen. Und dann kommen all die Versuche des Loslassens, bei denen wir jedes Mal hoffen, dass die Scherben irgendwie verschwinden werden. Aber die Scherben verschwinden nun mal nicht. Auch sie sind ja unser Leben! Selbst wenn der Kopf es längst vergessen haben sollte, der Körper bewahrt sie alle auf. Wenn man das endlich einmal anerkennen würde, wäre viel erreicht. Nicht leugnen und nicht verteidigen, einfach nur zugeben und ohne Bewertung anschauen. Sich selbst ins Gesicht sehen und zugeben, dieser Mensch, mit diesen Verletzungen, diesen Fehlern, diesen Hoffnungen, dieser Scham usw., das bin ich. Und es ist okay, dass es so ist. Irgendwann kommt dann der Tag, an dem wir feststellen, dass wir aufgehört haben, ständig genau die Handlungen, Gefühle und Gedanken zu wiederholen, die uns mit diesen Scherben verbinden. Das Loslassen, das wir bewusst gar nicht schaffen können, geschieht dann von allein. Ja, wenn wir die Wirklichkeit annehmen können, wie sie ist, dann ist es schon geschehen.

* „In der Nacht Walzerklänge“: aus Peter H. Gogolin: „Ich, Nichts, Vorbei“, Gedichte, Poetische Hefte Nr. 13, Hamburg, 1999

02.04.2008

Die Nachtpaviane

Obwohl ausnahmslos jeder Mensch, so er sich nicht dem unverdienten Glück einer lebenslangen Schlaflosigkeit erfreut, ihnen fast in jeder Nacht begegnet, weiß kaum jemand von ihnen. Ja, die Unwissenheit über die Existenz und die Bedeutung der Nachtpaviane ist so groß, dass es eines Gottes wie Shiva bedürfte, der in seiner Gestalt als Nataraja, als kosmischer Tänzer, unter seinen Füßen den Dämon der Unwissenheit zertanzt. Es ist wahr, wir leben in finsteren Zeiten, denn die alten Inder wussten noch, dass Unwissenheit in der Tat ein Dämon ist, für uns hingegen ist Unwissenheit unser natürlicher Zustand geworden. Wer wird uns dies verzeihen?

Wie so oft verdankt sich die Unwissenheit auch in diesem Fall der Furcht, denn dass die Konfrontation mit den Nachtpavianen einen Schrecken hinterlässt, der bis ins Mark der Knochen zu dringen vermag, sodass selbst die Mutigen sich lieber hastig abwenden und auf der Stelle das graue Tuch des Vergessens über ihr Antlitz ziehen, sei zugestanden. Aber ihnen zu entkommen, das vermag niemand, den je ein Weib gebar. Deshalb sollten wir hinschauen, um zu wissen, wohin unsere Füße uns führen.

Im Buch Amduat, dem altägyptischen Buch über den verborgenen Raum, bewachen die Paviane die Tore der Nachtstunden, die jeder Mensch passieren muss. Man sagt nicht zu Unrecht, dass jeder Schlaf ein kleiner Tod sei, und wer diese Nachtstunden nicht nutzt, um sich mit den Pavianen vertraut zu machen, der wird unweigerlich vor ihnen stehen, wenn es dereinst in die große Nacht geht und der Weg zu einer neuen Geburt beschritten werden muss. Denn der Gott Thot, der als Erfinder der Schreibkunst, der Sprache, der Rechenkunst und als Patron der Schreiber gilt, tritt in der großen Nacht, die unser aller Ziel ist, in Gestalt des Pavians als Protokollant und Wägemeister beim Totengericht auf. Er ist es, der das Wiegeergebnis unseres Herzen verzeichnet, das vom schakalgestaltigen Anubis sogleich verschlungen werden wird, sollte es auch nur um ein Jota das Gewicht einer Feder überschreiten.

Dass ein solch strenger Hüter der Ordnung und Gerechtigkeit uns in Schrecken versetzt, wenn wir ihm des Nachts im Schlafe begegnen, ist gewiss verständlich. Doch indem wir unseren Blick angstvoll von ihm abzuwenden versuchen, handeln wir letztlich ebenso unklug, wie der Mann, der in Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ sein Leben lang vor dem „Türhüter“ verharrt und erst, als er zu sterben im Begriff ist, begreift, dass er die Möglichkeit vertan hat, durch die Tür einzutreten, die nur für ihn bestimmt war und nun geschlossen wird.

Kafkas Geschichte sollte zur Mahnung dienen, auf dass wir die Götter um das Geschenk der Furchtlosigkeit bitten, damit wir mit wissendem Blick unseren Weg gehen können, in den Welten des Tages und der Nacht.

(aus Peter H. Gogolin: Lexikon der imaginären Wesen)